Our beloved men in black are back. Interpol haben wie keine andere Band der letzten Dekade von Anbeginn die Schwermut zum State of the Art erklärt und sind mit ihren bis dato drei Alben zu umschwärmten Lieblingen des Alternative Rock aufgestiegen. Ihr viertes Album, schlicht Interpol benannt, markiert jedoch eine Zäsur in der Architektur der Band aus New York. Paul Banks (Gesang, Gitarre), Daniel Kessler (Gitarre) und Sam Fogarino (Schlagzeug) müssen in Zukunft ohne Carlos Dengler (Bass, Keyboards) auskommen, der zwar das neue Album noch mit aufgenommen hat, die Band aber im Frühjahr dieses Jahres verließ. Vielleicht ist dies auch ein Grund, warum man bei dem neuen Album das Gefühl hat, dass die den Songs innewohnende Melancholie so ungeheuer authentisch wirkt und förmlich greifbar ist. Der Verlust von Carlos D., dessen dandyhaftes Auftreten der Band zusätzlichen Charme verlieh, wiegt schwer, zumal Interpol ihre demokratische Arbeitsweise immer betont haben und der Bassist auch mit seinen Keyboards den Bandsound entscheidend mitgeprägt hat. Interpol, das Album, mit dem die Band auch ihre Rückkehr zum New Yorker Label Matador markiert (in Europa übernimmt Cooperative Music), ist aber nicht nur so etwas wie das musikalische Vermächtnis von Carlos D., es trägt insbesondere auch die Handschrift von Produzent Alan Moulder (Nine Inch Nails, Smashing Pumpkins).
Wir hatten über Moulder schon in der Vergangenheit diskutiert, erzählt Paul Banks. Jeder von uns schätzt unterschiedliche Aspekte seiner Arbeit. Ich war zum Beispiel ein riesiger Fan von seiner Arbeit mit My Bloody Valentine. Ich dachte mir, dass die Songs, an denen wir arbeiteten, von Alan Moulders Bearbeitung profitieren könnten. Als wir ihn dann trafen, erwies er sich schnell als cooler Bursche, bei dem ich kein Problem hatte, ihm und seinem ästhetischen Empfinden ganz zu vertrauen. Normalerweise assistiere ich beim Abmischen. Hier verließ ich mich auf seinen Instinkt. Eine der vielen Besonderheiten des Albums ist, dass Alan Moulder meine Stimme sehr laut abgemischt hat, was ich bislang jedem Mixer untersagt habe. Sam Fogarino ist nicht minder begeistert von Moulder: Ihm ist es besonders gut gelungen, die Unterschiede zwischen uns herauszuarbeiten. Er war quasi das fünfte Bandmitglied. Tatsächlich weisen die über mehrere Monate im New Yorker Electric Lady Studio aufgenommenen zehn Songs auf Interpol eine unglaubliche Dynamik und Transparenz auf. Nie klang das einzigartige Tremolo von Daniel Kessler zwingender und kam seiner cineastischen Ader, die er immer wieder als Inspiration betont, so entgegen. Seinem obsessiven Spiel im Verbund mit den wie ein dunkler Strom fließenden Bassläufen von Carlos D., dem immer wieder bewundernswerten Präzisionsspiel von Sam Fogarino und schließlich dem schneidenden und empathischen Leadgesang von Paul Banks kann man sich kaum entziehen. Interpol kehren ihre Seele nach außen.
Dabei offenbart Interpol die klare klassische Struktur eines Albums mit zwei unterschiedlichen Seiten. Tatsächlich ist es das erste Album, bei dem wir die Abfolge schon festgelegt hatten, bevor wir die Songs aufnahmen, so Paul Banks. Wir haben ganz bewusst diesen Bogen gespannt. Die ersten fünf Tracks sind für Interpol typische düster-romantische Songs, die bei aller Schwerkraft und Schwermut nicht selten von Minute zu Minute mehr Fahrt aufnehmen, dichter, intensiver und dynamischer werden. Vom Opener Success, der die Kehrseiten des Erfolgs beschreibt, bis hin zur Single Barricade, ein Song über die Schwierigkeiten von Beziehungen und zugleich interpretierbar als eine Art politisch konnotierter Song über die Abwärtsspirale unserer Zivilisation, ziehen Interpol all ihre Register eines düster-schwärmerisch verklärten Rockmysteriums, das sie so einzigartig macht. Das schwerblütige Memory Serves, das ermutigend warm temperierte Summer Well und der bedrohliche Albumvorbote Lights, zu dem der Photo- und Videokünstler Chris White einen unterkühlt erotischen Clip über die Wirkung von Pheromonen mit in Schwarz gehüllten Kurtisanen inszenierte, sind makellose Exponate, die sich perfekt und folgerichtig an das bisherige Werk der Band anschließen.
Die zweite Seite von Interpol enthält die fünf wesentlich experimentelleren und stärker atmosphärischen Stücke. Always Malaise (The Man I Am) ist ein dunkel-romantischer Schmerzenssong. Ebenso feingliedrig wie komplex strukturiert kann man diesen epischen, dramatisch wirkenden Song stilistisch fast schon den Manierismen des Progressive Rock zuordnen. Auch Try It On, ein um einen Piano-Loop aufgebauter Song mit einem Hauch von Morricone, nimmt sich im bisherigen Oeuvre recht ungewöhnlich aus. Safe Without ist ein weiterer künstlerischer Nervenkitzel, bei dem sich stilistisch eher Parallelen zu Radiohead auftun denn zu den tausendfach zitierten Wurzeln im Post-Punk. Den krönenden Abschluss des Albums bildet mit The Undoing eine wunderbare Coda von sakraler Schönheit, deren flehentlicher Unterton von tiefer Trauer zeugt. Ich habe immer bestimmte Themenkreise, um die sich alles dreht, so Paul Banks, etwa Sex und Romantik, aber auch Angst und diese bestimmte Art existenzieller Entfremdung. Diesmal aber habe ich neue Punkte in dem Kreis getroffen. Früher habe ich einen starken Machismo, einen verspielten Chauvinismus herausgekehrt. Ich versetze mich stets in eine Rolle, denn es ist weniger autobiographisch, als dass ich bestimmte Facetten meiner Persönlichkeit verstärke. Einen neuen Punkt kann man entdecken, wenn man in All Of The Ways eintaucht. Das ist weniger die arrogante chauvinistische Seite als die bedauernswerte. Der Typ, der aus einer Beziehung als Verlierer hervorgeht. Ich habe mich diesmal dem Gefühl eines gebrochenen Herzens stärker denn je angenommen. Trauer und Verlust als kreativer Motor ist wahrlich nicht selten in der Kunst, doch Interpol verstehen es, sich dabei in einen emotionalen Rausch zu spielen, der vor Freude frösteln lässt.
Bereits Turn On The Bright Lights, ihr Debütalbum aus dem Jahr 2002, hatte bei Kritikern in Europa und den USA ein schweres Erdbeben der Euphorie ausgelöst. Dabei setzten Interpol von Anbeginn an nicht auf RocknRoll, sondern auf die Stilmerkmale des Post-Punk und präsentierten sich in ihren dunklen Anzügen konsequent mit einer gewissen kühlen Noblesse. Daniel Kessler hatte die Band Ende der 1990er ins Leben gerufen. Der gebürtige Engländer studierte in New York Französisch, Film und Literatur, sammelte einige Erfahrungen im Musikbusiness und lernte den ebenfalls in England geborenen Literaturstudenten Paul Banks bei einem Studienaufenthalt in Paris kennen. Zu den beiden Literaten gesellte sich mit Carlos Dengler, der Philosophie studiert hatte, noch ein weiterer Geisteswissenschaftler. Sam Fogarino, der schon von Jugend an Schlagzeug spielte und Musik in Fort Lauderdale studiert hatte, stieß als ältester Bandmusiker im Jahr 2000 zu Interpol.
Nach ihrem umjubelten Debütalbum folgte im Jahr 2004 das Album Antics, das den Ruf von Interpol als eine der einflussreichsten ergo besten Bands ihrer Zeit noch verstärkte. In etlichen Jahrespolls landete das Werk ganz weit vorne. Für die Kritiker der Spex war Antics, das mit Slow Hands, Evil und Cmere sogar einige Chart-Hits in Großbritannien erzielte, das beste Album des Jahres. Der nächste Schritt zum Major-Label Capitol wurde bisweilen als künstlerischer Aderlass betrachtet, doch ihrer eigentlichen Linie blieben Interpol auch auf Our Love To Admire absolut treu. Es gibt nicht wenige Fans, die gerade den prächtig pathetischen Opener Pioneer To The Falls für eines ihrer Meisterstücke halten. Sowohl in den USA als auch in Großbritannien schafften es Interpol mit Our Love To Admire in die Top 5 der Charts.
Was Interpol natürlich auch stark macht, sind ihre Shows, in denen Coolness zum theatralischen Element wird, in denen eine perfekte Lightshow zum perfekten Sound geboten wird. Für die bereits laufende Tournee haben Interpol zwei Musiker verpflichtet, den Bassisten David Pajo, der in so unterschiedlichen Bands wie Slint und Tortoise spielte und zuletzt mit den Yeah Yeah Yeahs tourte, sowie Keyboarder Brandon Curtis, der mit Secret Machines und School of Seven Bells ebenfalls über erstklassige Referenzen verfügt. Bei den jüngsten Konzerten überzeugten Interpol mit diesem Line-up auf ganzer Linie. Sam Fogarino kann sich dem nur anschließen: Der Chef von Matador hat mir gesagt, nachdem er uns jüngst live gesehen hat, ihr seid schlicht und einfach eine verdammt großartige Rockband.
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