Baked Beans

''Hast du Bohnen auf den Ohren?''

03.11.19 - München, Heppel + Ettlich

Einlass 14:00 Beginn 15:00 Tickets 12€ zzgl. Geb.

Fotocredit: Gabriele Summen

Wenn die Kleinsten wieder Schreckliches aus Kindergarten oder Schule eingeschleppt haben, muss es sich dabei nicht zwingend um die neusten Erkältungsviren handeln. Oft sind auch die Songs, die so den Weg in den Familienalltag finden, eine schwerere Prüfung als jede Grippe.

Es geht allerdings auch komplett anders. Die Hülsenfrüchte der Baked Beans aus Berlin treten den Beweis an.

Die eigenen Kinder in häusliche Mitarbeit tricksen wollen? Und zwar mit ausgebuffter Argumentation? Na, viel Erfolg. Maurice Summen von den Baked Beans erinnert sich noch gut, wie er der unwilligen Tochter das Eindecken und Abräumen des Frühstückstischs verkaufte. Und das ging so: Sie könne sich nämlich gar nicht weigern, denn sie bezeichne sich doch selbst stets als Familienmensch.

Ha, das hat gesessen! Denkt er zumindest. Denn die kleine Tochter rückt weder zum Räumen an noch von dem Titel Familienmensch ab. Sie definiert sich einfach neu: Ein „asozialer Familienmensch“ sei sie dann eben.

„Und ich will keine Socken sortieren / sollen eure Füße doch frieren“ („Asozialer Familienmensch“)

Auf dem Album „Hast Du Bohnen auf den Ohren?“ der Baked Beans findet sich nun „Asozialer Familienmensch“ als einer von 14 Songs. 14 Songs - wildgeworden, hochsympathisch, vollverschmitzt und mit konsequent abgeschaltetem Zeigefinger. Die Baked Beans pflegen lustvoll ihr Faible für Quatsch - eins für Kinderliedpädagogik besitzen sie hingegen nicht. Dafür besitzen sie die Fähigkeit, alle möglichen Pop-Genres mit Leichtigkeit zu spielen. Summen, der sonst die seriöse Popband Die Türen unterhält, ist dabei nicht allein.

Vielmehr nehmen die Baked Beans ihren Ursprung in einem Projekt des Songwriters und Journalisten Johannes von Weizsäcker. Dort geht es darum, jeden Tag ein Stück zu schreiben und zwar einen ganzen Monat lang - was eigentlich eher wie eine verlorene Wette denn wie ein zurechnungsfähiges Projekt anmutet.  Wie dem auch sei, der befreundete Summen schaltet sich zu und am Ende steht mit „Bauarbeiter trinken gerne Kakao“ das erste Stück der Baked Beans.

„Bauarbeiter trinken gerne Kakao / Das ist gut für die Laune, das ist gut für den Bau“ („Bauarbeiter trinken gerne Kakao“) 

Ab da befeuert die Idee, Popmusik für Kinder zu machen, die beiden. Und wer die Gitarre spielt, ist auch schnell geklärt: Ramin Bijan - ebenfalls von Die Türen - hat sich von der pulsierenden Biologie gerade zweimal Nachwuchs in den Alltag schieben lassen. Der muss, kann, will.

Da auch Weizsäcker sonst in anderen Bands spielt (The Chap und Erfolg), könnte die Frage im Raum stehen, ob unter so einem energetischen Hitcontainer für Kids wie Baked Beans nicht die seriöse Pop-Profession leidet. Allerdings mal ehrlich: „Seriös“? Hey, eine der genannten Bands hier heißt „Die Türen“, die andere „Erfolg“ - Summen und Bijan spielen außerdem auch noch bei: „Der Mann“. Also liegt es doch eher auf der Hand, endlich mal im großen Stil davon zu profitieren, dass man von seinen Indiefreunden ohnehin nie hundert Prozent ernst genommen wurde. Nichts zu danken - das habt ihr jetzt davon.

Diese drei Kindergeburtstagsflüsterer schenken uns und sich diese magische Bohnenband, bei deren Live-Auftritten sie als übergroße Konservendosen auflaufen. Ein Hauch von Pop-Art und Warhol fegt da auch noch durch die Manege. Und genauso liegt ihnen der Zeitgeist zu Füßen: Entstehen doch aktuell immer neue Veranstaltungsreihen, die sonntäglich zu Popkonzerten für die ganze Familie laden - und kaum ein ehrenhaftes Festival, das heute ohne eine Extra-Bühne für Kids-Entertainment auskommt.  Bloß für all diese Orte herrscht noch viel Nachholbedarf hinsichtlich eines familienübergreifend wirklich begeisternden Soundtracks. Die Baked Beans schütten diese Lücke mit ihrem Debüt-Abum zu. Dessen Titel übrigens eine kleine Hommage darstellt an das „Bohnen in die Ohren“ von dem jüngst verstorben Schlagersänger Gus Backus.

In den Storys der Platte findet nicht nur der Nachwuchs seine ganze alltägliche Welt wieder. Die komplette Dorfgemeinschaft tritt auf vom faulen Bäcker, der Kamillentee-Oma, dem Playstation spielenden großen Bruder oder eben dem kakaohaltigen Bauarbeiter. Ob die Kindheit in Castrop-Rauxel oder am Prenzlauer Berg stattfindet, ist da völlig egal.

Und wo anders könnte das alles erscheinen als auf dem geschichtsträchtigen Europa-Label? Allein deren Hörspiele in allen Formaten - von Kassetten, LPs, MP3s bis zu Streams - haben schon Generationen von Kindern in Atem gehalten.  Exakt am Tag des Brexits veröffentlicht Europa nun das Debüt der Baked Beans. Wenn das kein gutes Omen darstellt... Das hier ist Popmusik fürs Spielzimmer - und weit darüber hinaus. Happy Hülsenfrüchte!