Kathrin Weßling

"Super, und dir?"

19.02.19 - München, Heppel + Ettlich

Einlass 19:00 Beginn 20:00 Tickets 15€ zzgl. Geb.

Fotocredit: Melanie Hauke


Marlene Beckmann hat alles richtig gemacht: Abitur als Jahrgangsbeste, Studium in Rekordzeit und das begehrte Marketing-Volontariat mit Option auf Festanstellung oben drauf. You go Girl!, jubelt die Motivations-App auf ihrem Smartphone, dabei braucht Marlene Beckmann im Grunde niemanden, der sie anfeuert. Sie braucht keine Hilfe und hat auch nie danach gefragt. Wenn man sich erkundigt, wie es Marlene Beckmann geht, lautet die Antwort: Super, und dir? Alles läuft nach Plan. Marlene ist Anfang 30, sie lebt in der Großstadt in ihrer eigenen Wohnung, hat einen Job und 532 Facebook-Freunde. Die Zukunft, von der sie seit ihrer Kindheit geträumt hat, beginnt jetzt. So viel Zeit, so viel Leben.
Und so viele Zweifel. Ist es das, was sie mit ihrer Zukunft anfangen will? Ist es dieser Job? Diese Beziehung?Was, wenn sie auf allen Ebenen versagt? Gedanken, die auf Shuffle laufen. Dann muss sie eben noch härter an ihrer Persönlichkeit arbeiten. Wer in dieser Welt mithalten will, muss therapiert und reflektiert sein, muss geil und kinky sein, muss cool aber auch lieb sein. So wurde es ihr von all den sozialen Netzwerken und Communities, von Netflix und Kokain, vom Studienkredit und den Gästelistenplätzen der Elektropartys versprochen. Sie weiß, wie absurd das ist. Sie weiß, was es bedeutet, wenn ihr Chef sie an Projekte mit der Zweit-Volontärin setzt. Weil sie weiß, dass nur eine von ihnen am Ende des Jahres den Job bekommt.

Sie weiß, dass sie den Urlaub, den man ihr freundlich versagt, dringend braucht, um sich vom Stress (Drogen) und den Schlafproblemen (Drogenproblemen) zu erholen, und noch dringender, um ihre Beziehung mit Jakob zu retten. Sie weiß, dass sich was ändern muss. Doch das Eingeständnis, dass hier etwas nicht stimmt (mit ihr etwas nicht stimmt) würde den Zusammenbruch ihres mühsam errichteten Imperiums bedeuten, ihres Fake Empires, der Lüge, die ihr Leben ist. Also alles gut, nein, super.

In ihrem Roman Super, und dir? zeichnet Kathrin Weßling das Bild einer jungen Frau, die auf radikale, oft unbequeme Weise ihre Entscheidungen, Verluste und Erwartungen reflektiert. Wie im Stream lässt Weßling die wichtigsten Episoden im Leben von Marlene Beckmann abspielen, lässt sie kommentierend eingreifen,nutzt Flashbacks und drückt selbst dann nicht auf Pause, als ihre Protagonistin sich in Momenten der Einsamkeit ihrem Hang zur Selbstzerstörung durch harte Drogen hingibt. Ist doch nur Spaß, ist doch morgen wieder vorbei, ist doch geil, ist doch unser Lifestyle.
Vieles an dieser Geschichte mag an Irvine Welshs Trainspotting erinnern: das Kaputte, die Lügen, der Exzess und die unerträgliche Selbstverachtung. Der Satz „Ich hatte die Fähigkeit des Junkies entwickelt, immer lügen zu können.“ des jungen Mark Renton könnte genauso von Marlene Beckmann stammen. Doch Weßling nähert sich erst gar nicht dem klassischen Junkie-Milieu. Sie schaut dorthin, wo Endometriose, Panikattacken und Muskelkater nach dem Yoga zu den üblichen Problemen im Leben zählen. Sie erzählt die Geschichte derer, denen so etwas nicht passiert. Dabei beweist sie ein beachtliches Gespür für die Beobachtungen im Innenleben ihrer Protagonistin, die im Kontrast zur inszenierten Selbstdarstellung stehen, mit der Marlene nach nach Außen auftritt. Mit Super, und dir? entzaubert Kathrin Weßling jeglichen Wunsch nach Selbstoptimierung und setzt in ihrer Schonungslosigkeit eine ganze Generation unter Druck.

Ich lächle mein Lächeln, das ich tausendmal geübt habe und beherrsche: Es ist das Lächeln von jemandem, der selbst noch lacht, wenn das Haus brennt, in dem er steht. Alles super, alles großartig, und bei dir?

 

Text: Marie Krutmann