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Casper

"Alles war schön und nichts tat weh" Tour 2022

Fotocredit: Chris Schwarz

Das Warten hat ein Ende: Wenn an diesem Montag, dem 13. September 2021, die neue Casper-Single “Alles war schön und nichts tat weh” erscheint, gehen damit vier lange Jahre Wartezeit zu Ende. Die Single ist Caspers erstes Solo-Lebenszeichen seit “Lang lebe der Tod” (2017), das gleichnamige fünfte Studioalbum des musikalisch vielseitigsten und wichtigsten deutschen Rap-Grenzgängers erscheint im Februar 2022. Bereits die erste Single deutet an: Es ist ein Album geworden, mit dem Casper seinen künstlerischen und persönlichen Frieden gefunden hat.

Es ist die vielleicht markanteste Textstelle in “Slaughterhouse-Five”, jenem Roman, in dem der amerikanische Autor Kurt Vonnegut 1969 seine Erlebnisse als Kriegsgefangener während der Luftangriffe auf Dresden verarbeitete: “Everything was beautiful and nothing hurt”, alles war schön und nichts tat weh. Die Zeile hat verschiedentlich Eingang in die Popkultur gefunden und auch Casper ging sie nicht mehr aus dem Kopf, seit er den Roman in der Zeit des Lockdowns gelesen hatte.

Ihm gefiel der naive Utopismus hinter dieser Aussage, die Fähigkeit des menschlichen Gehirns, noch die traumatischsten und finstersten Erlebnisse retrospektiv in einem helleren Licht betrachten zu können. “Etwa nach dem Ende einer schmerzhaften Beziehung auch die positiven Seiten erkennen zu können, hat ja auch etwas Kraftspendendes”, sagt er.

So war der ideale Titel für einen Song und ein Album gefunden. Musikalisch setzt “Alles war schön und nichts tat weh” auf eine ähnliche Überwältigungstaktik, mit der bei Casper stets ein bombastischer Intro-Song die Themen und Stile anmoderiert, um die es auf dem jeweiligen Album gehen wird. Dieser Tradition folgend, rekurriert “Alles war schön und nichts tat weh” auf “Der Druck steigt”, “Im Ascheregen” und “Lang lebe der Tod”.

Musikalisch kann es dieses Postrock-Gospel-Rap-Monster mühelos mit den genannten Giganten des Casper-Katalogs aufnehmen. Auf andächtige Streicher folgen mächtige Klavierakkorde, dann die schmerzlich vermisste Stimme: “Ich hab‘ heute wieder dran gedacht, dass ich mir zu viel‘ Gedanken mach‘“, leitet Casper einen Song ein, der sich kontinuierlich steigert und schließlich in einem kathartischen Refrain eruptiert: “Ich explodier‘, renn zu dir (...) Alles war schön und nichts hat weh getan.”

“Der Song resümiert die letzten zehn Jahre meines Lebens inklusive der Pandemiezeit, in der ich mehr als nur einmal zu Hause die Wände hochgegangen bin”, sagt Casper. Nach dem Durchbruch mit “XOXO” war der Bielefelder quasi aus dem Nichts ein Riesenstar geworden, vor dessen Wohnung jugendliche Fans campierten. Es folgte die vielleicht interessanteste, ganz sicher aber vielseitigste deutsche Rap-Karriere der vergangenen 20 Jahre. Mit bislang drei Mutiplatin-Alben erreichte Casper die Nummer eins der deutschen Charts, hinzu kam “1982”, das ebenso erfolgreiche gemeinsame Album mit Marteria.

Casper hat in diesen Jahren Deutschrap revolutioniert, unzählige Tourneen und Festivals gespielt und ein Grenzgängertum etabliert, das man eigentlich nur von internationalen Rap-Freigeistern wie Kendrick Lamar kennt. Nun hat er all diese Erfahrungen dieser Jahre – die positiven wie die negativen – zusammengekehrt und singt, rappt und barmt auf “Alles war schön und nichts tat weh” so offen und reflektiert wie noch nie über Mental Health, öffentliche Erwartungshaltung und den massiven Druck, dem er zeitweise ausgesetzt war.

”Ich explodier”, das bedeutet natürlich auch, dass ich mich frei mache von all diesen Dingen”, sagt Casper. “Es ging mir darum, mich aus der Schale zu pellen, dieser Song ist für mich wie eine Katharsis – und blickt insoferrapptn gleichermaßen zurück wie nach vorne.”

Geschrieben und produziert hat er den “Alles war schön und nichts tat weh” mit den Produzenten Nikolai Potthoff (Tomte, Sarah Connor, Bosse u.a.) und Max Rieger (Die Nerven), hinzu kamen musikalische Freund:innen wie Sam Vance-Law, Philipp Thimm und Lisa Morgenstern. Stimmlich erleben wir in “Alles war schön und nichts tat weh” den wandelbarsten Casper aller Zeiten. Er singt, rappt und schreit in sämtlichen vorstellbaren Variationen. Indem er die Attacke, sein bekanntes Eisennägel-zum-Frühstück-Trademark, maßvoller einsetzt, kommt sie mehr zum Tragen als je zuvor.

Bereits einige Tage vor der Veröffentlichung von “Alles war schön und nichts tat weh” hatte Casper alle Inhalte auf seinem Instagram-Profil gelöscht, um sie schließlich unter anderem durch das Artwork des neuen Albums zu ersetzen. Man sieht den Rapper auf diesem Foto über und über mit Bienen eingedeckt, nur Mund, Augen, Nase und Stirnpartie sind ausgespart. Dieselben Bienen übrigens, die am Ende von “Alles war schön und nichts tat weh” in die Ruhe des Schlussakkords hineinsurren.

Das Ende ist auch hier vor allem: der Beginn von etwas Neuem, Aufregendem.